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Die Kraft der Diagnose

Die Selbsterfahrung ist oft die beste Schule, um Krankheiten und seine Patienten besser zu verstehen. Ich durfte vor zwei Wochen die Erfahrung machen, wie eine Diagnose durch einen Radiologen meine Welt drastisch veränderte und ich gefühlt zum Invaliden wurde.


Kurz zur Vorgeschichte:

Der „genialen“ Eingebung folgend, dass ca. 90kg Körpergewicht ideal dazu geeignet sein könnten, eine volle Mülltonne auf halbvoll zu verdichten, kletterte ich in die Tonne. Zur Sicherheit habe ich auch einen 50cm hohen Mauersockel als Einstiegshilfe benutzt. Von hier aus verlief alles nach Plan. Durch hüpfend schwingende Bewegung wurde wieder Platz für neuen Abfall. Durch diese geniale Lösung aufgeputscht wurde mir jetzt die Euphorie zum Verhängnis.

Das heißt ich schaffte es zwar, wie ein 19- Jähriger im Schlusssprung aus der Tonne zu hüpfen, jedoch knickte das Knie bei der Landung nach innen und hinten durch und verabschiedete sich vom Gartenarbeitstag mit einem lauten Knall, der an zerbrechende trockene Äste erinnerte. Das intuitive hin und her Rollen und die dem kommenden Schmerz vorauseilende Angst ließen mich Gott sei Dank mit dem geschädigten Bein wälzend gegen die Mauer schlagen. Ein erneutes rumpelndes Knacken versetzte mein deformiertes Knie wieder in den optischen Ausgangszustand.

Geschockt erwartete ich, was jetzt kommen musste - Schmerz, Schwellung und Gehunfähigkeit. Mein erster Therapieansatz war Kühlen. Das Knie ließ sich sogar eingeschränkt aber schmerzarm bewegen. Nur beim Auftreten bestand eine Instabilität. Um zu wissen, ob ich stützen muss, trainieren oder Ruhigstellen, wollte ich schon wissen, was im Knie passiert ist. Gesagt getan, im modernsten und neuesten radiologischen Zentrum war für Privatpatienten schnell ein Termin zu haben. Zum Glück ist es das linke Bein und ich fahre einen Wagen mit Automatik. 

Die Aufnahme war schnell gemacht und der Radiologe bat mich zur Befundbesprechung vor seinen Bildschirm. Blickkontakt war nicht wirklich möglich und ein liebevoll tröstenden Gesichtsausdruck konnte ich auch nicht warnehmen. Meine Frage „na was ist denn kaputt“ wurde nett mit „fragen Sie lieber, was nicht kaputt ist“ beantwortet. Sekundenschnell scrollte er über den Bildschirm und die Diagnose kam wie aus der Pistole geschossen:

Vorderer Kreuzbandanriss, Innenbandanriss, Innenmeniskuseinriss und lateral verschobene Patella mit Verdacht auf Patellarsehnenriss.Meine Frage – „Und nun?“ wurde beantwortet mit: „Das muss Ihr Kniespezialist beantworten, sie werden wohl um eine OP nicht herumkommen.“ Und tschüss.

Da stand ich nun, sowohl traurig als auch geschockt, sah ich mich schon im OP und in einer ewigen Reha den Sommer verbringend. Vom Augenblick der Diagnosestellung an hatte ich das Gefühl, dass ich jederzeit mit dem Bein umknicke und konnte fast gar nicht mehr auftreten geschweige denn laufen. Hüpfend legte ich die zuvor humpelnd überwundene Strecke zum Auto zurück. Der Tag war dann auch gegessen- ich wusste nur- ich werde gesund auch ohne OP!

Am nächsten Tag suchte ich einen befreundeten und vor allen Dingen wirklich ganzheitlichen Orthopäden in Mülheim auf. Dieser hatte erstmal freundlich tröstende Worte für mich und sagte folgende bedeutende Sätze:

„Jörg- ich will erstmal gar nix von den Befunden wissen, ich untersuche mal Dein Bein und schaue, wieviel noch zu gebrauchen ist. Bitte sage mir, wenn es weh tut.“

Ich habe nie gedacht, welche Dehnungen, Züge und Verdrehungen ein Bein alles durchhält, ohne dass die Bänder fliegen, aber Schmerzen hatte ich nicht. Er nahm das andere Bein und machte dieselben Übungen noch einmal.

Dann kam die Erlösung: „Dein Bein hat zwar einiges durch, ist jedoch wie das gesunde Bein voll belastbar. Im Befund kann niemand genau sagen, welche Schäden an Deinem schon recht gut gebrauchten Knie akut sind oder schon länger überwunden. Wir machen einen altbewährten Zinkleimverband, Du schonst Dich etwas und achtest beim Laufen auf Deine Grenzen, übermorgen tapen wir das Knie zur Unterstützung.“

Nach diesem Termin konnte ich wieder fast normal laufen und bin nach 2Wochen bereits wieder in der Lage, im Walkingschritt schmerzfrei und Schwellungsfrei 4km zu laufen.

Danke lieber Jochen (der Vornamen meines Orthopäden)

Diese Geschichte hat mir klar gemacht:

Auch die Dramaturgie der ausgesprochenen Diagnose beeinflusst den Krankheitszustand unter Umständen massiv. Deshalb hier meine Botschaft an Kollegen und Betroffene:Egal, welche Diagnose aus Laborwerten und Untersuchungen um die Ohren fliegen, schaut hin, was genau für Beschwerden ihr jetzt habt und was daraus alles  möglich ist. Der Spruch „Geist schafft Materie“ gilt auch für die oft unbedacht überdramatisierte Diagnose.

Ich werde im Sommer mit dem nicht operierten Knie wieder joggen gehen und ich freue mich darauf.

Viele Grüße, 

Euer Jörg